Die Bürgerkapelle

Zeitreise

Der Grieser Organist Ignaz Dietrich sammelte im Jahre 1821 einige musikbegeisterte Männer um sich und legte damit den Grundstein zu der damals gebildeten „Grieser Musikgesellschaft“. Die Kapelle entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem beachtlichen Klangkörper, der damals wie heute, einen tragenden Pfeiler im kulturellen Leben von Gries darstellt. Weder die durch zwei Weltkriege bedingte Einstellung der Tätigkeit, noch die Unterdrückung durch den Faschismus konnten den Geist der Kapelle brechen.
Der erste Auftritt fand beim Weihnachtsgottesdienst 1821 statt und fortan trat die Musikgesellschaft bei Ständchen für durchreisende Adelige öffentlich in Erscheinung.
 

Hohe Gäste

Ab den 1840er Jahren erreichte Gries aufgrund seines vorzüglichen Klimas und der landschaftlichen Schönheit als Kurort große Bekanntheit über die Grenzen hinaus. Aus dem deutschen Sprachraum, sogar aus Russland wurden hochrangige Gäste mit musikalischen Klängen empfangen; Herzöge und Könige gaben sich die Klinke in die Hand, ein Höhepunkt war sicher der Besuch von Kaiser Franz Joseph I. 1905. 
 

„Ära Vill“

1868 übernahm der Lehrer und Organist, Kajetan Vill die musikalische Leitung der Grieser Musikgesellschaft, die er über unvorstellbare 66 Jahre (!) innehaben sollte. Die Kapelle rückte
damals bereits sehr häufig aus. Mehrere Platzkonzerte, Umrahmungen von kirchlichen Feierlichkeiten und Ständchen für Pfarrer, Bürgermeister und Gönnern gehörten zum Tätigkeitsprogramm. Dass es in jener Zeit auch ein Streichorchester der Kapelle gab, die verschiedene Jubiläen und Feierlichkeiten in Gries gestaltete, wirkt heute kurios.
Kajetan Vill stand der Kapelle nicht nur musikalisch vor, er war gleichzeitig deren Obmann, Kassier und Schriftführer. Zu seiner Entlastung wurde 1886 der erste Ausschuss gewählt.
Wie aktiv im Dorfleben die damaligen Mitglieder der Kapelle waren bezeugt die Tatsache, dass bei der Gründung der Grieser Feuerwehr 1878 alle Mitglieder der Musikkapelle auch Mitglieder bei der Feuerwehr wurden. Dieses herzliche kameradschaftliche Verhältnis beider Vereine wird heute noch genauso liebevoll gepflegt wie vor über 130 Jahren.
 

Namenswechsel

Mit großen Festlichkeiten wurde am 19. Und 20. Oktober 1901 die Erhebung des Dorfes Gries zur Marktgemeinde gefeiert. Auf den Einladungen dazu begegnet das erste Mal offiziell der heutige Name der Kapelle „Bürgerkapelle Gries“.
 

100 Jahre BKG

Nach 5-jähriger Unterbrechung ihrer Tätigkeit durch den ersten Weltkrieg konnte die Kapelle 1921 ihr 100-jähriges Bestandsjubiläum mit Zapfenstreich, Festgottesdienst und einem Volksfest begehen.
In Folge der Verfolgungen und Verdächtigungen des aufkommenden Faschismus in Italien wurde es für die Kapelle immer schwieriger, die Tätigkeit aufrecht zu erhalten.
 

Auflösung und Wiedergründung

1939 musste die Kapelle unter dem Druck des Regimes nach 118-jähriger Tätigkeit aufgelöst werden. Die Instrumente nahmen die Mitglieder mit nach Hause, die Noten verwahrte der damalige Kapellmeister Karl Vill, Sohn des Kajetan Vill.
Nach Kriegsende wurde die Kapelle 1945 vom damaligen Obmann Alois Puff wiedergegründet, Kapellmeister blieb bis 1955 Karl Vill. Durch großzügige Spenden der Grieser Bevölkerung konnte 1947 für die Kapelle die neue Tracht angeschafft werden, 1948 trat die Kapelle dem neu gegründeten Verband Südtiroler Musikkapellen bei.
 

Aufstrebende Kapelle

Hauptverantwortlich für die steigende musikalische Qualität in den Folgejahren war der heutige Ehrenkapellmeister Josef Silbernagl, der der Kapelle von 1958 bis 1993 vorstand. Prägend für die organisatorische Arbeit waren die beiden Obmänner Alois Puff (1945 bis 1973) und Gottfried Furgler (1973 bis 1996), der zudem seit 1992 dem Verband Südtiroler Musikkapellen vorstand.
In dieser Zeit verbesserte sich die Ausbildung der Musikanten. Die Veranstaltung von zahlreichen Festen, legendär das „Unsinnige Grieser Marktl“, dem Musikball in den Hallen der Obstgenossenschaft, waren nicht nur beliebte Veranstaltungen für die Bevölkerung; durch die Erlöse konnte wieder Geld in neue und bessere Instrumente investiert werden. Die musikalische Leistung steigerte sich in den Jahren, bis die Kapelle beim 5. Landesmusikfest 1963 erstmals den ersten Rang mit Auszeichnung in der Kunststufe und höchster Punktezahl aller beteiligten Südtiroler Kapellen erreichte.
Weitere Höchstbewertungen bei Wertungsspielen im In- und Ausland prägten bald das Ansehen der Kapelle.
Seit dem 1. Jänner 1968 veranstaltet die Kapelle das traditionelle Neujahrskonzert, früher im Kulturhaus Walther von der Vogelweide, nun im Auditorium in Bozen.
 

Neuzeit

Seit 1996 ist das erfolgreiche Tandem Georg Thaler (Kapellmeister) und Franz Targa (Obmann) für die Geschicke der Kapelle verantwortlich.
Als damals 28-jähriger übernahm Georg Thaler den Klangkörper und versteht es bis heute mit seiner ausgleichenden Art, alle Mitglieder der Kapelle, ob jung und alt, immer wieder aufs Neue zu begeistern und reißt sie mit, neue Ideen und Projekte zu verwirklichen. Gekonnt schafft er es bei der Auswahl der verschiedenen Programme, den Bogen vom Traditionellen über das Moderne zum Experimentellen zu spannen.
So gab es in den letzten Jahren Aufführungen von gemischten Werken für Blasorchester und Chor, eine Konzertreihe mit der Bozner Rockband „Mad Puppets“ und weitere abwechslungsreiche und unterhaltsame Überraschungen bei den letzten Neujahrskonzerten.